Vor 25 Jahren machte ich wie 103 andere mein Abitur in Michelstadt im Odenwald. Danach ging das Leben weiter, und es ergab sich für jeden ein eigener Weg. Gestern war Abi-Treffen und ich mit dabei. Viele meiner Schulfreunde sind inzwischen Lehrer und oft auch gleichzeitig Mutter bzw. Vater.
In den Gesprächen ging es daher oft um den Themenkomplex Erziehung / Bildung / Schule. Ich war und bin kein direkt Betroffener. Ich bin weder Lehrer oder Erzieher, noch habe ich Kinder. Mein Wissen ist also theoretischer Natur. Dennoch habe ich mich bei den Gesprächen beteiligt und viel zugehört. Mitgenommen habe ich dabei die
Sehr gut, aber was ist mit den Eltern deren Kompetenz nicht ausreicht die Erziehungsverantwortung wahrzunehmen. Was früher jeder Hilfsarbeiterhaushalt geschafft hat, ist heute für viele ein Problem.
martin
am 13.09.05 11:49
Wenn Eltern die Erziehungsverantwortung _wirklich_ nicht wahrnehmen können, dann muss die Gesellschaft unterstützen. Aber eben unterstützen. In Gesprächen habe ich den Eindruck gewonnen, dass einige Eltern Grundlegendes _vernachlässigen_, und zwar nicht weil kein Geld oder keine Zeit da ist (z.B. morgens werden Kinder nicht zur Schule geweckt). Derartiges habe ich bereits immer wieder mitbekommen...
Frank Hamm
am 13.09.05 14:23
Insgesamt sind die Thesen sicher schlüssig. In einer Sache muss ich aber widersprechen. Erziehungsverantwortung ist nicht allein Sache der Eltern, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Eltern, die durch Sozialdumping und Tittytainment zur Verantwortungslosigkeit verdammt sind und sich selbst nicht mehr helfen können, sind aus meiner Sicht jetzt nicht in Moralhaft zu nehmen. Mir gefällt das Gerede von mehr Eigenverantwortung überhaupt nicht, da meist Alleinverantwortung damit gemeint ist. Und damit meine ich nicht nur die Erziehungsarbeit. Wenn jeder nur noch für sich selbst verantwortlich sein soll, wozu dann noch Gesellsschaft, wozu noch Staat?
Unsere Gesellschaft krankt an verantwortungslosen und aus meiner Sicht oft unkompetenten Politikern, die offensichtlich gute Konzepte (siehe oben) aufgrund von Klientelpolitik und Profilierungssucht nicht annehmen und umsetzen. Hinzu kommt, das durch die Finanz und Steuerpolitik der letzten Jahrzehnte der Staat zunehmend in die Handlungsunfähigkeit gedrängt wurde. Und das Ende der Fahnenstange ist noch lange nicht erreicht. Manchmal frage ich mich, ob das Ganze Methode hat. Vielleicht ist das Heer der Ahnungslosen, Dummen und nicht selbständig denken Könnenden der Zukunft die Voraussetzung für weiterhin gute Geschäfte einer heute schon recht kleinen Gruppe von Privilegierten.
Lars-Uwe Lenk
am 14.09.05 09:31
"Insgesamt sind die Thesen sicher schlüssig."
Danke :-)
"Erziehungsverantwortung ist nicht allein Sache der Eltern, sondern eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe."
Wie wäre es mit "... auch eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe"? Ich finde, man kann weder die Eltern noch die Gesellschaft entbinden. Die Gesellschaft muss die Rahmenbedingungen sicherstellen und helfend eingreifen, darauf basierend müssen die Eltern in einem sicheren Umfeld erziehen. Da fehlt vielleicht wirklich eine These 1.1?
"Eltern, die [...] sich selbst nicht mehr helfen können, sind aus meiner Sicht jetzt nicht in Moralhaft zu nehmen."
Ok, schlüssig. Aber was ist mit denen, die gar kein Problem haben und dennoch zuwenig Verantwortung übernehmen?
"Wenn jeder nur noch für sich selbst verantwortlich sein soll, wozu dann noch Gesellsschaft, wozu noch Staat?"
Ich bin dafür, dass jeder mehr Verantwortung für andere übernimmt. Das kennzeichnet für mich "eine Gesellschaft" / "den Staat", dass man auch für andere da ist und nicht nur für sich selbst. Halt auch für seine Kinder.
"Manchmal frage ich mich, ob das Ganze Methode hat."
Glaube ich nicht, denn so langfristig zu planen ... das geschieht in unserer kurzlebigen Zeit einfach kaum noch. Das ist ja das Problem: Die Wirtschaft schielt oft auf das nächste Quartalsergebnis und die Politiker schielen oft auf die nächste Wahl.
Frank
am 14.09.05 17:59
Lieber Frank,
zu 1) Kinder werden nicht nur von ihren Eltern (und Geschwistern) erzogen, sondern von ihrer ganzen Umwelt. Die Schule hat auch einen Erziehungsauftrag, optimalerweise in Abstimmung mit den Eltern. Das habe ich selbst auf einer Montessori-Schule so erlebt. Da war Elternengagement üblich.
zu 3) In Berlin ist mit dem neuen Schuljahr die Hortbetreuung nur noch an Schulen möglich. Das finde ich eine falsch verstandene Ganztagesbetreuung, da sie Elterninitiativ-Horte/Schülerläden vor das Aus stellt. Eltern sollten aber wählen können!
zu 4) Ich bin absolute Gegnerin von Studiengebühren, da diese dazu führen werden, dass schwächere Familien sich ein Studium nicht leisten können. Und was ist mit jungen, studierenden Eltern, wie sollen die Studium und Kind/er finanzieren?
Im übrigen sind Kindergartenplätze für Geringverdiener (bis auf Essensgeld) frei, um das Argument zu entkräften, warum man am Anfang so viel bezahlen müßte.
Lupita Gómez
am 15.09.05 00:53
Liebe Lupita,
zu 1) Dass die Gesellschaft ebenfalls "mit"erziehen muss, sehe ich ein (siehe mein Kommentar zu Lars-Uwe Lenk). Aber das Engagement der Eltern fällt wohl SEHR unterschiedlich aus. Von sehr gut bis gar nicht. Und nach Berichten aus Bekannten und Freunden immer öfters gar nicht.
zu 3) Wichtig ist mir eine Ganztagsbetreuung überhaupt, wo das im einzelnen stattfinden soll/muss, darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht ... bei entsprechenden Möglichkeiten sehe ich keinen Grund Privatinitiativen abzuwürgen - im Gegenteil.
zu 4) Durch eine Verlagerung der Unterstützung zum frühen Alter hin soll vermieden werden, dass später kein Geld da ist. Leider kann man weder immer alles Gewünschte haben noch ist man vor Unbeabsichtigtem gefeit. Auch ich musste mich immer wieder entscheiden und auch Verzicht leisten. Die Gesellschaft kann nicht immer einspringen, insbesondere für Entscheidungen, die ich getroffen habe. Die Frage ist nicht nur, wie erziehende Eltern ihr Studium finanzieren sollen, sondern wie sie ihre Kinder erziehen können. Allerdings müssen auch die Studienbedingungen stimmen, oft ist es derzeit gar nicht möglich in der Regelstudienzeit abzuschliessen (Studienbetrieb, Ausstattung der Unis).
Danke für den Hinweis mit den Kindergartenplätzen. Scheinbar gibt es jedoch Betroffene, die noch nicht "ganz" wenig verdienen, aber dennoch eine finanziell angespannte Lage haben.
Frank Hamm
am 15.09.05 11:45