... und keine Spur von langweilig!
Die Berliner sind findig, wenn es darum geht, eine (Arbeits-) Marktlücke für sich zu entdecken. Wer Berlin kennt, weiß um die vielen kreativen "Kleingewerbe" auf Flohmärkten, an U- und S-Bahnhöfen.
Nun, heute hat ein Berliner Arbeitssuchender den Wahlkampf für sich entdeckt und an seine politischen Fragen gleich ein Bewerbungsgesuch an den Chefredakteur der Berliner Zeitung, Uwe Vorkötter, geknüpft. Ob er mit dem Dargebotenen allerdings seinen angestrebten Arbeitgeber überzeugen konnte, das sei dahin gestellt.
In einem Punkt jedoch möchte ich ihm widersprechen: Seine These, dieser Wahlkampf sei langweilig, wurde grundlegend durch diesen hitzigen, spannenden Abend mit Bundesverbraucherministerin Renate Künast (Die Grünen), Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD), Berliner CDU-Spitzenkandidatin Monika Grütters (CDU), Bundestagsabgeordneter Petra Pau (Linkspartei) und Bundestagsabgeordneten Markus Löning (FDP) widerlegt.

Zentrales Thema der 3+2 Politiker-Runde (drei Damen, zwei Herren) war die Arbeitsmarktpolitik: Hartz IV, Neoliberalismus, Ostdeutschland und menschenwürdige Arbeit, aber auch die USA und die Geschehnisse in New Orleans. Aufgrund der Redezeitbeschränkung bewiesen die Kandidaten eine flotte Sprechweise, was die Stimmung sicher zusätzlich bewegte.
Markus Löning mit gelber Krawatte. Als FDP-Mitglied hatte er es am schwersten beim Berliner Publikum, eine ähnliche Resonanz konnte ich schon in der Vergangenheit bei
Westerwelles Auftritt feststellen. Löning eröffnete gleich mit einem Paukenschlag: "Mit Herrn Stoiber ist kein Staat zu machen", auf die schlechten Ergebnisse 2002 in Norddeutschland anspielend. Die FDP weiß sich nicht nur seit ihrem vergangenen Parteitag
von Schwarz abzusetzen.
Monika Grütters hatte ein etwas besseres Ranking bei der eher links von der Mitte angesiedelten Leserschaft der Berliner Zeitung. Unbeirrt sprach sie auch unbequeme politischen Ansichten aus: Für sie liege in Arbeit an sich eine Sinnerfüllung, so dass man ihrer Meinung nach doch lieber für wenig Geld arbeite, als auf Kosten der Solidargemeinschaft zu leben. Und: Umverteilung habe noch nie funktioniert, im Gegenteil, sie sei die Ursache, warum die DDR zugrunde gegangen sei.
Und hier setzte das Regulativ Wählerkontakt ein. Abgesehen von erbosten Zwischenrufen forderte ein Mann, sensibel im Umgang mit Sprache zu sein. Denn die Menschen suchen keine "Jobs", sie wollen eine menschenwürdige Arbeit. Eine Mitarbeiterin der Bundesagentur für Arbeit ergänzte es um den Aspekt "Arbeit, von der wir leben können".
Petra Pau, in hellgrünem Jackett, war sich in einem mit Rot und Grün einig, "die Gießkanne in den Schuppen" zu stellen, d.h. staatliche Förderung nicht mehr breit, sondern zielgenau zu vergeben. Der gute Kontakt zum Publikum war ihr sicher, immer wenn sie sprach, rückte sie mit ihrem Oberkörper noch näher an die Menge. Sie lockte mit dem Frauenbonus, wusste aber keine wirkliche Antwort auf die Tatsache, dass Männer in ihrer Partei inzwischen die Macht übernommen haben.
Renate Künast, in dunkelrotem Jackett, sprach über den Dienstleistungssektor, der über ein großes Potential verfüge, wenn es keine private Schwarzarbeit mehr gibt. Zugleich dürfen die Löhne nach unten nicht offen sein. Mit der Frage: "Was kaufen wir aus welchem Land ein?" wies sie auf den Zusammenhang von privatem Einkaufsverhalten und Firmen-Abwanderung ins Ausland hin. Die "Geiz ist geil"-Mentalität helfe hier nicht weiter.
Wolfgang Thierse, in ähnlichem Grau gekleidet wie Grütters, redete sich allmählich warm. Für ihn bedeute Staat per Definition Umverteilung, Steuern werden erhoben, um der Ungleichheit zu begegnen. Sein fulminantes Ende: "Nur die Starken können sich einen schwachen Staat leisten, die Schwachen brauchen einen starken". Ob das für FDP-Ehrenvorsitzenden Graf Lambsdorff der
Kuschelstaat ist?
Moderator Uwe Vorkötter hat sein Ziel erreicht, nicht Einigkeit wurde angestrebt, sondern das Herausfiltern der Unterschiede.
Wahlkampfveranstaltungen sind für Wähler immer eine Chance ohne mediale Vermittlung ihre Repräsentanten direkt kennen zu lernen.
Diese Diskussionen bedeuten aber auch für Politiker die Chance, sich zu erden, in direkten Kontakt mit Menschen, deren aktuellen Lebensbedingungen und Gedanken zu kommen; Menschen, die sie in ihrer politischen Arbeit vertreten. Politiker brauchen deshalb den Wahlkampf!
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