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Bürger-Weblog - Volksvertreter

Mittwoch, 14.09.2005

Bild von Lupita Gómez, Rechte: WDR

Volksvertreter

und "Gerechtigkeitsdickkopf" (O-Ton)

Buschige Augenbrauen, roter Schal, Fahrrad und neuerdings ein Affe, der auf der Berliner Oberbaumbrücke herumturnt - das sind seine Kennzeichen: Hans-Christian Ströbele. Rechtsanwalt, fünf Jahre SPD-Mitglied, wegen Übernahme der Verteidigung von RAF-Gefangenen Parteiausschluss, später Mitglied der Grünen, erster und einziger, 2002 gewählter grüner Direktkandidat (Wahlkreis Friedrichshain-Kreuzberg, Prenzlauer Berg Ost).

Comic zeigt Affen auf Turm in Berlin

Ungewöhnlich für eine Boulevardzeitung wie den Berliner Kurier, den gemeinhin als unbequem geltenden Politiker WWW: Hans-Christian Ströbele zum Lesergespräch zu laden.

Seine unaufgeregte, bedachte Art ist sympathisch, gleichzeitig hat er den Schneid (pardon, das muss jetzt bayrisch sein!) kundzutun, wenn er anderer Meinung ist oder eine Sache für falsch hält - das macht er nicht nur in seiner Bundestagsarbeit, sondern auch während der Diskussion mit Wählern. Dabei deckt er Sachverhalte auf, die manchmal in der Hitze des Wahlkampfs verloren gehen.

Die Veranstaltung, die vorwiegend von älteren Männern und Frauen besucht wird, deckt ein breites Spektrum an Themen ab. Eine Auswahl:

- Das häufig angebrachte Argument von Verschwendung von Steuergeldern, weil Firmen erst Subventionen für Firmengründungen in Ostdeutschland erhielten, nun in die neuen EU-Beitrittsländer abwandern und erneut öffentliche Gelder beziehen: "Kapital bestimmt Politik", und "Kapital investiert dort, wo der Profit am größten ist", schickt Ströbele voraus, so dass es unwahr wäre zu behaupten, der Staat könne Arbeitsplätze in großer Zahl schaffen. Ganz legal nach EU-Grundsätzen, früher EWG, können deutsche Firmen zudem ihre Investitionen im Ausland hierzulande absetzen. Wie kein anderes Land profitiere die Bundesrepublik vom Wegfall der Zölle - der Rückschritt, Europa wieder in Einzelstaaten zu zerlegen, würde Deutschland hart treffen. Außerdem glaube er daran, dass es sich nur um eine Übergangsphase handelt, bis sich die Verhältnisse der neuen Länder angeglichen haben. Ähnliches wäre schon beim Beitritt Portugals vor knapp 20 Jahren zu beobachten gewesen.

- Zum streitbaren Thema "Hartz IV": Er selbst habe gegen Hartz IV gestimmt, da keine Zumutbarkeitsgrenze nach unten gezogen wurde. Nachbesserungen seien erforderlich, aber insgesamt betrachtet, seien die Reformen richtig und notwendig. Zur Forderung der Linkspartei nach sofortiger Abschaffung von Hartz IV, meinte er knapp: "Das glauben die selber nicht". Deren Programm sei aufgrund der Ereignisse schnell "zusammengewürfelt" worden, bei der Frage nach der Finanzierbarkeit werde immer wieder auf die selben Geldquellen verwiesen. Keinen generellen Mindestlohn, sondern einen mit den Gewerkschaften abgestimmten, bereichsspezifischen Mindestlohn strebe Ströbele an.

Ungewöhnlicher Wahlkampf: Ströbele in Berlin (Rechte: dpa)

- Bezüglich der Vermögenssteuer könne sich der Grünen-Bundestagsabgeordnete "richtig in Rage reden", denn das Vermögen steige stetig in Deutschland an (alle drei bis vier Jahre um eine Billion). Hier sieht Ströbele, im Gegensatz zur Erbschaftssteuer, die Möglichkeit zur Umverteilung. Da diese Steuer eine Ländersache ist, ist man aber auf die Zustimmung der Union angewiesen.

- Auf die Frage, warum die Grünen als Ökologie-Partei nicht weggehen von der "Ideologie" des stetigen Wachstums, was schon der Club of Rome gefordert habe, verweist Ströbele auf das grüne Ziel des "qualitativen Wachstums", das ökologisch zu gestalten sei. Zu Zeiten von knapp 5 Millionen Arbeitslosen käme eine andere Forderung auch einem politischen Selbstmord gleich.

- Zwar stimmte Ströbele nicht in allen Punkten mit der rot-grünen Außenpolitik überein, aber statt des Sofort-Ausstiegs in Afghanistan und im Kosovo (Linkspartei) fordere er so genannte Exit-Pläne, d.h. Ausstiegsstrategien. Trotz des ambivalenten Verhältnisses zum Außenminister rechne er ihm hoch an, wie er eine Mehrheit im UNO-Sicherheitsrat für den USA-Krieg gegen den Irak verhindern konnte.

Nach politischen Ämtern strebt der Grünen-Politiker nicht, denn sein höchstes Ziel ist, als Volksverteter im Bundestag zu arbeiten, deshalb bewerbe er sich wieder um ein Direktmandat. Aber auf Nachfragen beruhigt er, falls ihm das nicht gelingen sollte, werde er weiterhin politisch tätig bleiben. Denn auch mit 66 Jahren sehe er die Poltik als seine Lebensaufgabe an.


WWW: Bildausschnitt aus Ströbeles Wahlplakat - gestaltet vom Cartoonisten Gerhard Seyfried.

Weitere Verweise zu Volksvertreter

Kommentare zum Eintrag Volksvertreter

"... aber insgesamt betrachtet, seien die Reformen richtig und notwendig. ..." und mit DER dreisten Aussage gewinnt er seinen Wahlkreis? Das kann ich nicht glauben. Hier trifft Stoibers Aussage wirklich zu: nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber!

Mag am 14.09.05 15:40

Hallo Lupita
Das war ja mal wieder ein gelungener Beitrag. Doch wiederhole ich mich. Bin nur begeistert von der Art wie Du schreibst. Nebenbei bemerkt ist, wenn deine Angaben richtig sind, Deutschlands Schuldenlast doch nicht so erdrückend, berücksichtigt man, dass sich das Vermögen in Deutschland alle drei bis vier Jahre um 1 Billion Euro erhöht. Trotzdem werde ich das Gefühl nicht los, dass die enorme Schuldenlast des Bundes und der Länder, für künftige Generationen zu einem traurigen Kapitel wird. Neben der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit sollten der Schuldenabbau oberstes Ziel der neuen Bundesregierung sein. Gruss Uwe Richert

Uwe Richert am 14.09.05 17:33

Sehr geehrter Mag, abgesehen davon, dass mir das Niveau Ihrer Frage nicht gefällt - ich bevorzuge die sachliche Auseinandersetzung (Ihr Blog heißt doch auch "Gemeinsam gegen Hass & Gewalt") - möchte ich folgendes darauf antworten:
Klar ist, dass dem Staat ein begrenztes Budget an Finanzmitteln durch Steuern zur Verfügung, auch für die soziale Absicherung seiner Bürger. Da dieses Geld den Status Quo nicht mehr finanzieren konnte, musste es Reformen geben. Sowohl SPD als auch die Grünen sagen, dass Nachbesserungen notwendig sind. Ströbele fordert außerdem mit einer Vermögenssteuer eine Umverteilung.
Wie ist nun die Forderung der CDU/CSU, will sie Hartz IV abschaffen, wie sieht die FDP die soziale Absicherung der Bürger, gerade in Hinblick auf die Minimierung von Steuern? Das wären ja interessante Aspekte, um zu untermauern, dass die Reformen falsch sind!
Ich kann es nur noch einmal sagen, Hans-Christian Ströbele hat mich als überlegt handelnde Persönlichkeit, die auch in der eigenen Partei unbequem sein kann, überzeugt. Im Laufe dieses Wahlkampfes habe ich über Parteigrenzen hinweg Politiker mit Rückrat entdecken können, also weg mit engstirnigem Schwarz-Weiß-Denken und Parteiideologie!

Lupita Gómez am 14.09.05 18:26

Hallo Lupita,
da wird aus dem "Politiker Ströbele" tatsächlich ein "Mensch Ströbele" :-))
Ich komme immer mehr zur Überzeugung, dass ich die Menschen, die ich wählen soll, auch persönlich kennenlernen muss.
Kurz zur Linkspartei (Programm etc.): Sie weiss ja immer noch nicht, wie sie heisst. Vor kurzem fand ich auf ihrer Website noch folgende Bezeichnungen:
- DIE LINKE.PDS
- Die Linke.PDS
- Die Linkspartei.PDS
- LINKSPARTEI.PDS
und immer noch!!!
- PDS

Frank am 14.09.05 18:32

Lieber Frank, und das zur Ergänzung: die Website der Linkspartei heißt www.sozialisten.de
In Weblogs (z.B. auf wahl.de) führen auch einige Politiker noch den Namen WASG. Na, das ist auf jeden Fall ein kreativer Umgang mit dem eigenen Namen.

Lupita Gómez am 15.09.05 00:35

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